Es ist vielleicht gelegentlich aufgefallen: Musik spielt eine nicht unerhebliche Rolle in meinem Leben. Ich glaube ja immer noch, ich bin eine Musikerin, gefangen im Körper einer Autorin. Tragisches Schicksal, das sich allerdings durch das wiederholte rituelle Abspielen glänzender Silberscheiben bewältigen lässt.
Die Silberne, die derzeit unablässig ihre Runden im Player dreht, ist die neue von Mika: "The Boy who knew too much".
Schon bei der ersten von ihm, "Life in Cartoon Motion" (man erinnere sich an den Knaller "Grace Kelly", der zur Genüge im Radio gespielt wurde), musste ich mich fragen lassen, ob ich nicht ein bisschen zu ALT wäre, um Fan von einem Musiker zu sein, der gefühlte zwölf Jahre alt sein könnte.
Tatsache ist, dass Mika wohl ein gewisses Potential hat, Leuten auf die Nerven zu gehen: vor allem durch seine mutige, konsequente Kindergeburtstags-Optik, die sich durch die äußere Gestaltung der CDs, die Konzert-Choreographie bis hin in die Musik zieht. Videos voller Sternenhimmel, Kuscheltiere und Farben, für die man gelegentlich eine Sonnenbrille braucht, dazu seine Stimme, die er offenbar nach Belieben von einer angenehmen Mitteltonlage in ein abgefahrenes Falsett umschlagen lassen kann.
Und nein, ich fühle mich nicht zu alt. Nur gelegentlich ein bisschen einsam, den mit meiner Liebe für Mikas wunderbare, phantasievolle Kindergeburtstags-Soundtracks stehe ich in meiner Umgebung ziemlich alleine da.
Nun also das neue Album. Zuerst war ich ein bisschen zögerlich. "Cartoon Motion" ist ja vor dem großen Durchbruch entstanden, und ich hatte die Befürchtung, mit "The Boy who knew too much" ein glattgebügeltes, charts-gebürstetes Kommerzprodukt präsentiert zu bekommen, das mit dem "ursprünglichen Mika" nicht mehr viel zu tun hatte.
Mehrheitlich hätte ich diese Befürchtung nicht haben müssen. Wie auch schon auf "Cartoon Motion" ist nicht alles Gold auf der CD, aber wie viele CDs kennt man schon, auf denen wirklich alles toll ist.
"We are Golden" eröffnet den Kindergeburtstag, das ist der Track, der Radiohörern vielleicht schon aufgefallen sein mag. Es geht um Schulhof-Mobbing, übrigens, wobei Mika sich mit der Seite der Opfer solidarisiert (eigene Erfahrung? Wer weiß...) Ein schönes Lied, das mit wiederholtem Hören immer besser wird.
"Blame it on the Girls" wird wohl die zweite Single-Auskopplung werden, das ist ehr so glatt gebürsteter Oberflächen-Pop, der klingt, als wäre er fürs Radio gemacht.
"Dr. John" macht dann einen Ausflug zum Swing, erinnert ein bisschen an "Bobby Brown" aus Album Eins, und das hat mir da schon ausnehmend gut gefallen.
Der Mittelteil der CD hat dann einige hübsche, schwungvolle Songs, die man beim Durchhören nicht weiterschaltet, weil sie nicht nerven (und das ist eine Verbesserung zu Album Eins, denn "Relax - take it easy" aus Album Eins konnte ich, obwohl wirklich willig, nicht zu Ende hören).
Auch schöne Balladen gibt es diesmal wieder: "I see you" ist die Kuchenpause im Kindergeburtstag, fast schon besinnlich.
"Touches you" erinnert mich an etwas - gibt es da nicht etwas aus den 70ern, das auf den gleichen Harmonien fußt? Egal, es ist angenehmes Easy-Listening, und einen wilden Ritt durch alle Stilrichtungen und das gesamte Mobiliar des Pop sind wir ja von Mika schon gewohnt.
Ganz anders kommt "Toy Boy" daher - mein Favorit auf dieser Scheibe: die Geschichte eines Spielzeugs (Toy Boy)und auch aus dessen Sicht erzählt, das von einem kleinen Jungen heiß geliebt wird, bis die Mutter beschließt, der Junge sollte doch lieber ein "Barbie Girl" mit ins Bett nehmen, das wäre besser für ihn. "She's the meanest Hag that has ever been" - ratet mal, wer hier diese Zeile mit besonderem Vergnügen mitsingt. Das Lied ist zauberhaft instrumentalisiert mit Glockenspiel und Flöten und hat eigentlich mit Pop überhaupt nichts mehr zu tun, es ist ein bisschen Disney im besten Sinne, ein bisschen Kindermusical und ein bisschen Retro, und liebevoll-spielerische Musik steht in interessantem Kontrast zu dem doch sehr tragischen Text ("stuck her voodoo pins where my eyes had been...").
"The boy who knew too much" ist also etwas für alle, die den Mut haben, mit Hörgewohnheiten zu brechen. Flexibilität im Hören ist gefragt, denn alle Songs kommen etwas anders und ungewöhnlich daher, und man sollte darauf gefasst sein, sich nach Abspielen der CD in militant guter Laune zu befinden.
Und dafür ist man doch eigentlich nie zu alt.
Mika kommt demnächst nach Deutschland, übrigens. Hat jemand von Euch vor, hinzugehen? Ich frage ja nur, weil ich NICHT ALLEINE gehen will - meine Freunde hier im Umkreis sind alle einfach viel zu erwachsen...
(Ja. Und dass Mick aus "Fliegende Fische" einen Lockenkopf und lange Beine hat, ist vielleicht nicht nur Zufall.)