Was ist das eigentlich für eine seltsame Geschichte mit diesen Glastierchen? Ich habe mir noch nie viel aus Kitsch gemacht. Und dann, ganz plötzlich, aus heiterem Himmel hat es mich erwischt. Ich war gerade 16 Jahre alt und habe, mehr aus Zufall als aus tatsächlichem Interesse, meinen Vater begleitet, der im Auftrag seiner damaligen Firma nach Lauscha fuhr. Es waren Sommerferien, ich hatte viel Zeit, Langeweile war mir schon immer ein Fremdwort aber an diesem Tag hat es mich erwischt…
Glasfieber.
Es war in einem Café. Wir hatten noch satte zwei Stunden Zeit, aßen zu Mittag und ich sah gebannt zu, was der Glasbläser, zwei Meter Luftlinie von meinem Teller entfernt, aus einem Klumpen rotglühenden, zähflüssigen Glases zauberte. Das war es. Zauberei. Er drehte und zog, schob und schmolz. Das Glas floss, als folgte es allein seinen Gedanken. Ich war gebannt. Ich weiß nicht mehr, was ich zu Mittag gegessen habe, aber welches Glastier da vor meinen Augen zum Leben erweckt wurde, weiß ich noch. Es war ein leuchtend roter Skorpion und im verblassenden Glühen der Flamme sah er lebendig aus.
Dann fiel es mir wieder ein. Als Dreijährige hatte ich bereits einen solchen Schub gehabt. Damals wollte ich Gläsbläserin werden. Glastiere zaubern. Ich durfte immer mit denen meiner Oma spielen. Kein Vergleich zu der grobschlächtigen Plastikwesen. Aber später wollte ich auch Löwen dressieren und vergaß die Glastiere für dreizehn Jahre.
Jetzt bin ich 29 und im neunten Jahr hinter der Flamme.Und nein, es ist nicht einen Tag lang langweilig gewesen. Ich bin süchtig, fasziniert, gebannt. Nicht allein von den Glasfiguren, die ich mache. Es ist dieses dunkelrot pulsierende Glühen. Dieses scheinbar unberechenbar eigensinnige Material, dass mich gefangen nimmt. Ich mag immer noch keinen Kitsch. Aber manchmal, wenn mich eines dieser Tierchen mit seinen Spiegeleieraugen und seinem zur Seite geneigten Köpfchen anschielt, werde ich weich. Dann lasse ich es in meine Tasche gleiten und weiß, dass ich dieses nicht verkaufen werde. Vielleicht einmal verschenken. An jemanden, der mir sehr, sehr viel bedeutet. Und der es vermutlich kitschig finden wird…
Also was ist das für eine seltsame Geschichte mit den Glastierchen, die Siebzigjährige in meine Werkstatt führt, um Glasfiguren reparieren lassen, die sie als Fünfjährige einmal zerbrochen haben?